Auf der Jagd nach Heimat
- Ereignisse -
Der Immersangwald lag still an diesem Morgen. Sonnenstrahlen brachen sich in den dichten Baumkronen und zeichneten helle Flecken auf das moosige Erdreich. In der Ferne war das leise Plätschern eines Bachs zu hören, und irgendwo raschelte ein Reh durchs Unterholz. Der Geruch von feuchter Erde und nassem Laub hing noch schwer in der Luft. Zwischen den Bäumen, nahe einer kleinen Lichtung, hatte Sylaine ihr Lager errichtet. Ein kleines Feuer rauchte noch, daneben lag ihr Bogen, frisch gespannt.
Sie kniete am Rand der Lichtung, prüfte die Pfeile im Köcher und zog den Lederriemen ihrer Armschienen fester. Heute würde sie ihren ersten offiziellen Auftrag erfüllen: Felle von Bachtatzen sammeln, um ihre Fähigkeiten als Jägerin unter Beweis zu stellen. Kein gefährlicher Auftrag – doch es ging nicht nur um die Felle. Es ging darum, leise zu gehen, Spuren zu lesen und ihre Beute sauber zu erlegen. Sylaine atmete tief durch, schulterte den Bogen und verschwand lautlos zwischen den Stämmen, dem fernen Plätschern des Bachs entgegen.
Auf dem Weg zum Bach durch das Unterholz hindurch verursachte sie keinen Ton. Diese Fähigkeit war Teil in dem ersten Block ihrer Ausbildung zur Waldläuferin. Lautloses, verdecktes Schleichen, der Umgang mit dem Bogen und etwas Anatomie für einen sauberen Schuss, um das Ziel schnell und effektiv mit einem Pfeil zu töten. Das alles wurde ihr im Laufe ihrer Grundausbildung beigebracht. Jetzt galt es, in einem ihrer ersten Aufträge, ihre gelernten Fähigkeiten anzuwenden.
In der Nähe des kleinen Bachlaufes hat sie die Spuren einer Bachtatze erspäht und die Fährte aufgenommen, diese ist sogar nicht weit entfernt. Instinktiv hält sie sich noch versteckter in den Gebüschen. Ihren Bogen aus hochwertigem Holz, aus den großen Bäumen des Immersangwaldes, hielt sie im Anschlag mit leicht gespannter Sehne und aufgelegtem Pfeil bereit. Dann erspähte sie die Bachtatze hinter einem der nächsten Bäume, wie sie sich am Bach erfrischte. Diese Chance wollte Sylaine nicht verstreichen lassen. Sie hielt den Atem an, ließ die Sehne nur so weit spannen, dass sie nicht knarrte, und wartete, bis die Bachtatze den Kopf leicht hob. Ein einziger, ruhiger Atemzug – dann ließ sie los. Der Pfeil surrte durch die Luft und traf die Bachtatze genau, wo Sylaine es beabsichtigte. Das Tier sackte zusammen und war auf der Stelle tot.
Sylaine freute sich innerlich, ballte die Faust und grinste leicht. Ihre Aufgabe war erfüllt. Sie sammelte die Beute ein und begab sich zurück zum Lager der Weltenwanderer, wo sie ihre Aufgabe abschließen konnte und sich eine kurze Pause genehmigen konnte.
Der nächste Tag begann und mit ihm gab es den nächsten Auftrag. Diesmal nichts im Wald. Sie sollte eine Nachricht nach Silbermond bringen und Vorräte beschaffen, nichts Außergewöhnliches. Kleinere Botengänge waren normal für Waldläufer in Ausbildung, außerdem konnte sie sich mit Aralis treffen und erfahren, wie es bei ihr in der Ausbildung läuft. So machte sie sich schon früh auf den Weg nach Silbermond. Der Pfad von der Zuflucht schlängelte sich still durch den Immersangwald, begleitet von dem Zwitschern der Vögel und dem Rascheln des Laubes. Anfangs führte der Weg über schmale, kaum erkennbare Jägerpfade. Sie kannte sie mittlerweile gut genug, um sich lautlos zu bewegen. Nach einigen Stunden öffneten sich die Bäume, und der Wald wurde lichter. Bäume, Büsche und Moos wich dem gepflasterten Boden, kleine Brücken überspannten die Bäche und in der Ferne sah man die weißen Türme von Silbermond. Arkane Kristalle schwebten über den Wegen, verbreiteten ein warmes, rötliches Leuchten und erinnerten Sylaine daran, dass sie nun das Reich der Magier betrat. Vor den äußeren Toren von der Stadt, zog sie sich ihre Kapuze etwas tiefer ins Gesicht, die prunkvolle Stadt bereitet ihr Unbehagen. Sie nahm noch einen tieferen Atemzug und durchschritt die Tore hinein in die Stadt.
Auf den hell gepflasterten Straßen waren viele Edelsteine und Runen als Verzierung, überall schritten Magier in feinen Roben. Zwischen ihnen patrouillierten Wachen in glänzenden Rüstungen – einen Moment lang musste sie an ihre Eltern denken. Doch sie war nicht hier, um zu staunen. Ein Auftrag wartete. Diesen konnte sie in der Halle der Waldläufer erfüllen. Sie übergab die Botschaft an einen General und machte sich auf, um die Vorräte zu besorgen. Pfeile, etwas Lederriemen und ein paar Rationen verstaute sie im Rucksack. Ihr Rückweg führte sie an den alten Wegen der Sonnenwanderer vorbei.
Dort, etwas abseits der Hauptstraße, erhob sich die Sonnenwanderer-Akademie – Türme aus hellem Stein, umgeben von gepflegten Gärten und von schwebenden Kristallen erleuchtet.
In einem der kleinen Gärten, die zum Lernen und Ausruhen gedacht sind, fand sie Aralis. Die junge Magierin saß wie immer über ein Buch gebeugt, ihre Robe leicht mit Goldstickereien verziert. Als sie Sylaine sah, sprang sie sofort auf.
„Sylaine!“ rief sie freudig. „Ich hatte schon gehofft, dass du vorbeikommst.“
Sie umarmten sich herzlich, und für einen Moment war es wieder wie früher.
„Ich hatte einen Auftrag in Silbermond,“ erklärte Sylaine. „Da musste ich einfach kurz sehen, wie es dir geht.“ Aralis lachte: „Es freut mich, dass dich deine Aufträge hierherführen! Du siehst so aus, als könntest du jeden Moment lautlos verschwinden.“
Sylaine grinste: „Und du siehst aus, als würdest du bald selbst ein Buch sein.“
Beide lachten, dann setzten sie sich auf eine steinerne Bank. Aralis erzählte von den Prüfungen und den langen Nächten voller Magie, während Sylaine von ihrem ersten Jagdauftrag berichtete.
Schließlich senkte sich eine ruhige Stille zwischen sie. Für einen Moment lauschten sie nur dem leisen Rascheln der Bäume im Wind.
„Manchmal habe ich Angst, dass wir uns verlieren,“ sagte sie leise. „Hier ist alles so anders… und du bist so weit draußen.“
Sylaine blinzelte überrascht, dann lächelte sie warm. „Wir werden uns nicht verlieren. Wir gehen nur zwei Wege, die uns wachsen lassen.“
Aralis atmete aus, ein kleines Lächeln stahl sich zurück auf ihr Gesicht. „Gut… Dann verspreche ich, dass wir uns wiedersehen.“
„Das verspreche ich auch,“ erwiderte Sylaine und drückte sanft ihre Hand. „Shorel’aran, meine Freundin.“
„Anar’alah belore, Sylaine,“ antwortete Aralis mit neuem Mut in der Stimme.
Nach einem letzten Abschied machte sich Sylaine wieder auf den Weg.