Auf der Jagd nach Heimat

- Chaos -

Viele Monde waren vergangen, seit Sylaine zum ersten Mal allein auf Jagd gegangen war. Aus den zögerlichen Schritten einer Schülerin war ein fester, sicherer Gang geworden. Die Nächte in den Wäldern hatten sie abgehärtet, ihre Sinne geschärft und ihre Waffen zu einer vertrauten Erweiterung ihres Körpers gemacht. Mittlerweile benutzte sie immer öfter auch Zweihandschwerter, Zweihandäxte oder lange Stabwaffen.

An diesem Morgen lag wieder Nebel über den Hügeln des Immersangwaldes. Sylaine überprüfte ihre Ausrüstung, strich über die neuen Lederriemen an ihrem Köcher und zog die Kapuze etwas enger um die Schultern. Sie hatte einen Auftrag erhalten, wie sie ihn bisher noch nicht allein übernommen hatte: Eine wichtige Nachricht sollte von der Zuflucht der Weltenwanderer, tief im Osten des Waldes, zur fernen Enklave gebracht werden. Es ging um strategische Informationen – Routen, Bewegungen und ein Aufruf, neue Pfade zu sichern. Kein gewöhnlicher Botengang mehr; dies war ein Zeichen von Vertrauen.

Der Weg führte sie hinaus aus dem vertrauten Teil des Waldes. Anfangs begleiteten sie noch die sanften Stimmen von Vögeln und das Rascheln kleiner Tiere, doch je weiter sie gen Osten zog, desto stiller wurde es. Die Bäume wuchsen dichter, ihr Grün wirkte dunkler, und manchmal hing ein unbestimmter Geruch von feuchter Erde und etwas Süßlich-Verfallenem in der Luft. Sie begegnete nur wenigen Reisenden, meist einsame Waldläufer oder Händler mit kleinen Wagen. Nach zwei Tagen Marsch erreichte sie die Enklave – einen verborgenen Posten der Weltenwanderer, geschützt zwischen uralten Bäumen, Banner flatterten im leichten Wind. Hier übergab sie die Nachricht, erhielt ein kurzes Nicken von den ranghöheren Waldläufern und nahm Vorräte auf. Sie spürte Stolz: Man vertraute ihr immer weitere Wege an.

Doch während sie sich auf den Rückweg vorbereitete, lag eine seltsame Anspannung in der Luft. Normalerweise war die Enklave belebt – Ausbilder, Späher, Handwerker. Diesmal fehlten viele Gesichter. Am Abend, als Sylaine am Feuer saß, bemerkte sie die Unruhe in den Gesprächen: Flüsternd tauschten einige Waldläufer Gerüchte aus. Etwas Dunkles rühre sich im Osten, hieß es. Untote seien gesichtet worden, und an den alten Grenzen im Südwesten gäbe es Kämpfe. Niemand wusste Genaueres, doch mehrere Späher waren nicht zurückgekehrt.

Sylaine entschied, am Morgen aufzubrechen. Sie hatte ihre Pflicht erfüllt und wollte schnell zur Zuflucht zurück, um Bericht zu erstatten.

Der Rückweg begann still, doch je näher sie dem Westen kam, desto dichter wurde der Rauch und ihre Beklemmung wuchs. Sylaine schlich lautlos durch das Unterholz, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Etwas zog sie heimwärts – vielleicht Hoffnung, vielleicht Pflicht.

Als sie den letzten Hügel vor Morgenluft erklomm, blieb sie stehen. Ihr Dorf lag still und schwarz vor ihr, kein Licht, kein Geräusch. Dächer waren eingestürzt, Balken glommen noch schwach. Über allem hing der süßlich-beißende Geruch von Asche und Tod.

Sie zwang sich weiter, Schritt für Schritt, geduckt und wachsam. Kein Laut außer dem Knistern vereinzelter Flammen. Vor dem Haus ihrer Eltern hielt sie inne: Das Dach war teilweise eingestürzt, Türen aufgerissen. Zwischen den Trümmern ragte der geschnitzte Pfeilköcher ihres Vaters hervor, angesengt, doch unverkennbar. Ein Schlag in die Magengrube.

Mit zitternden Fingern schob sie sich weiter durch die zerstörten Gassen, bis sie das Haus von Aralis erreichte. Die obere Etage war völlig eingestürzt. Auf dem Boden lag, halb von Schutt bedeckt, eine kleine Goldene Kette – der kleine Phönix-Anhänger, die sie sofort erkannte. Aralis’ Halskette, die sie immer an sich trug.

Sylaine kniete nieder, hob die Kette vorsichtig an. Der Staub klebte an ihren Fingern, Tränen trübten ihr Sichtfeld. Kein Zweifel. Keine Hoffnung mehr.

Sie verharrte lange so, stumm, unfähig zu atmen. Bilder schossen ihr durch den Kopf – Kindertage, Lachen, Versprechen. Alles fort.

Dann drang ein Geräusch an ihr Ohr: fernes Klirren, Schritte, ein gutturales Stöhnen. Untote, auf Streifzug. Instinkt und Ausbildung setzten ein. Überleben. Rückzug. Nicht sinnlos sterben.

Mit letzter Kraft wischte sie sich die Tränen aus den Augen, zog die Kapuze tief ins Gesicht und glitt zurück in die Schatten. Jeder Schritt tat weh, jeder Atemzug brannte, doch sie zwang sich vorwärts.

Sie wusste nicht, wohin genau – nur fort, nur weg von diesem Ort, der einst ihr Zuhause gewesen war. Weg, um zu leben. Weg, um zu erinnern.

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.