Auf der Jagd nach Heimat

- Flucht ins Ungewisse -

Der Rauch lag noch schwer in der Luft, als Sylaine den Immersangwald verließ. Hinter ihr verblassten die Lichter ihrer Heimat – zerstört, verbrannt, verloren. Sie hatte nicht gewagt, sich lange umzusehen; zu groß war die Gefahr, zu schmerzhaft der Anblick. Nur die kleine goldene Kette, die sie in den Trümmern gefunden hatte, drückte sie fest in der Faust, als wäre sie ein letzter Halt. Jede Faser in ihr schrie, zu rennen, aber sie zwang sich zu Stille und Vorsicht. Überleben. Rückzug. Beobachten. – die Worte ihrer Ausbilder waren jetzt alles, was sie hatte.

Die ersten Tage waren ein einziger Nebel aus Angst und Instinkt. Sie hielt sich abseits der Wege, schlug Schneisen durchs Unterholz, mied Geräusche und Rauch. Die Geisterlande wirkten verändert: dunkler, stiller, von unheilvollem Flüstern erfüllt. Manchmal sah sie in der Ferne Patrouillen Untoter, hörte das Klirren von Waffen oder das Grollen unheimlicher Stimmen. Dann hielt sie den Atem an, presste sich in den Boden, bis die Geräusche verschwanden.

Nachts entzündete sie kein Feuer. Sie aß sparsam aus ihrem Rucksack und trank aus klaren Bächen, wenn sie welche fand. Schlaf fand sie nur in kurzen Schüben, immer mit der Hand am Bogen. Die Kette lag oft in ihrer Handfläche, kalt und schwer. Immer wieder stiegen Bilder von Aralis auf – ihr Lachen, ihre Bücher, ihr letztes Lächeln.

Je weiter sie nach Süden kam, desto karger wurde die Landschaft. Die Wälder lichteten sich, graues Gras verdrängte das satte Grün, der Himmel wirkte bleiern und schwer. In den östlichen Pestländern herrschte gespenstische Stille. Verfallene Höfe, eingefallene Zäune und tote Felder zogen an ihr vorbei. Einmal sah sie in der Ferne eine kleine Gruppe Untoter – schlurfend, träge, aber zahlreich genug, dass sie flach in einem Graben liegen blieb, bis sie vorüber waren.

Nach Wochen des Marsches erreichte sie die westlichen Pestländer. Hier gab es noch vereinzelte Wälder und alte Seen, die wie vergessene Augen in der verwüsteten Landschaft lagen. An einem dieser Seen schlug sie eines Abends Lager auf, erschöpft und hungrig. Während sie still aß, raschelte es im Unterholz. Ein magerer Bär trat heraus – zögernd, misstrauisch, die Rippen deutlich sichtbar. Sylaine spannte instinktiv den Bogen, ließ ihn dann sinken. Langsam zog sie ein Stück getrocknetes Fleisch hervor, legte es auf den Boden und wich zurück. Der Bär schnupperte, knurrte leise, trat schließlich näher und nahm das Futter. So begann ihr stilles Bündnis.

Die nächsten Tage tauchte der Bär immer wieder auf, hielt Abstand, folgte aber. Sylaine redete leise mit ihm, wenn sie rastete, und ließ ihm immer ein paar Happen. Nach und nach kam er näher, bis er schließlich neben ihrem Lager schlief. Sie nannte ihn Graupfote – wegen des helleren Fells an seinen Tatzen.

Mit Graupfote an ihrer Seite fühlte sich die Flucht weniger einsam. Doch der Weg blieb gefährlich. Immer wieder musste sie sich verstecken, wenn sie Geräusche hörte oder Rauch sah. Die Luft wurde feucht und kühl, als sie die Hügel von Tirisfal erreichte. Das Land war düster, aber nicht mehr völlig verlassen. Alte Wege zeigten Spuren von Reisenden, vereinzelt entdeckte sie Feuerstellen und verlassene Lager.

Nach fast vier Wochen Marsch erreichte sie schließlich Brill. Die düstere Siedlung war eigenartig still, doch hier gab es Leben – Untote, vereinzelte Blutelfen, Händler und Boten der Horde. Zögernd trat Sylaine aus dem Wald, Graupfote an ihrer Seite. Einige der Blutelfen musterten sie überrascht, andere nickten nur. Ein älterer Waldläufer kam schließlich auf sie zu, fragte nach ihrem Namen und woher sie kam. Sie brachte nur ein heiseres „Sylaine“ hervor, bevor die Stimme brach. Er legte ihr schweigend eine Hand auf die Schulter und bedeutete ihr, ihm zu folgen.

Zum ersten Mal seit Wochen spürte Sylaine einen Anflug von Sicherheit. Hinter ihr lag alles, was sie kannte; an ihrer Seite der treue Graupfote. Vor ihr – eine unbekannte Zukunft. Doch sie hatte überlebt. Und sie würde weitergehen.

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